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03.11.2009
Neues zum Brutpflegeverhalten der Punktierten Fadenfische Trichogaster trichopterus.
Die Brutpflege geht weiter als man denkt
Dr. Jörg Vierke

Bisher konnte man in vielen Aquarienbüchern lesen, dass Fadenfisch-Männchen ein Revier beziehen, dort ein Schaumnest bauen und in dieses mit einem Weibchen ablaichen. Die Männchen vertreiben danach das Weibchen und kümmern sich so lange um die Eier und Larven, bis die Jungen das Schaumnest verlassen.
Auch unser Autor Jörg Vierke ging davon aus. Die Fadenfische Vietnams zeigten ihm jedoch, dass sie die Bücher offenbar nicht gelesen hatten und verhielten sich anders.


Wer mit der Materie einigermaßen bewandert ist, wird nach dem Lesen der Überschrift sagen: Kann nicht sein!
Seit vielen Jahrzehnten werden diese Fische gezüchtet und eigentlich weiß man doch alles über sie!

Ich war im Oktober 2009 in Vietnam und habe den Trichogaster (1) vor Ort nachgestellt. Nicht mit dem Netz oder der Angel, sondern mit der Unterwasserkamera. Ich kann mich täuschen, aber ich vermute, dass die hier gezeigten Fotos und der in Kürze bei AquaNet.Tv gezeigte Film die ersten UW-Aufnahmen im Heimatbiotop dieser Fadenfische sind.


Aquarium und Freiland sind nur bedingt vergleichbar

Die vietnamesische Form von Trichogaster trichopterus im Biotop. Bei den Tieren dominieren warme Farben, Die Grundfarbe ist geblich, die Afterflosse breit orange gerahmt, blau findet man nur als Glanzpunkte.
Die vietnamesische Form von Trichogaster trichopterus im Biotop. Bei den Tieren dominieren warme Farben, Die Grundfarbe ist geblich, die Afterflosse breit orange gerahmt, blau findet man nur als Glanzpunkte.
Bei den Aufnahmen fielen mir Umstände auf, die auch neues Licht auf Aquarienbeobachtungen werfen.
Bereits 1974 habe ich das Fortpflanzungsverhalten der Punktierten Fadenfische ausgiebig untersucht. In der renommierten „Zeitschrift für Tierpsychologie“ habe ich 1975 ihr Verhalten und das Verhalten vieler weiter Labyrinthfische vergleichend vorgestellt. Bei den Punktierten Fadenfischen ging es mir besonders um ihre Farbmuster und deren Bedeutung bei Balz und Paarung.
Die Brutpflege der Fadenfische ist durchaus interessant. Allen bisherigen Berichten zufolge endet sie mit dem Freischwimmen der Brut. Auch ich schrieb sinngemäß: Da die Jungfischchen ihren Eltern nicht folgen und sie auch nicht untereinander im Schwarm zusammenhalten, ist eine weitere Versorgung der Brut durch die Eltern nicht mehr möglich. Die Kleinen verstreuen sich und es kann passieren, dass sie von ihren eigenen Eltern nicht mehr wiedererkannt und als Beute betrachtet werden.

Unter Wasser erscheint der Lebensraum eher karg
Unter Wasser erscheint der Lebensraum eher karg

aber die Fadenfische scheinen sich wohl zu fühlen
aber die Fadenfische scheinen sich wohl zu fühlen




Habe ich früher einen falschen Schluß gezogen?

Mich hätte allerdings eine eigene Aquarienbeobachtung stutzig machen können. Ich will hier zitieren, was ich im September 1974 im Aquarien-Magazin über die T. trichopterus geschrieben hatte:
Ein Paar blieb ohne Gesellschaft anderer Fische in einem 100-Liter-Aquarium. Die ersten Paarungen wurden am 24. 11. beobachtet. Am 27. 11. laichte das Paar wiederum ab; wieder unter demselben Nest und ohne sich von dem Gewimmel der Larven stören zu lassen. Offenbar haben die Fische auch an den darauf folgenden Tagen abgelaicht, denn am 5. 12. fand ich im Aquarium Junge in allen Altersstadien. Der größte von ihnen hatte bereits einen schwarzen Schwanzfleck und fadenförmige Bauchflossen. Daneben waren im Aquarium eine Unzahl kleinerer Jungfische, ferner Larven und frisch abgelegte Eier. Die Eltern waren also Dauerlaicher. Sie bewegten sich völlig ungestört durch das Kindergewimmel und stellten den Kleinen, die selbst wohlgenährt waren, in keiner Weise nach.“
So weit der Bericht von damals. Mir war klar, dass die Eltern eine Hemmung besaßen, die eigene Brut zu fressen (bei Colisa-Weibchen ist das übrigens anders!). Mir war aber nicht bewusst, dass ich ein ganz natürliches Brutverhalten beobachtet und geschildert hatte. Ich war davon überzeugt, dass der begrenzte Raum des Aquariums die Kleinen daran gehindert hatte, den Bereich der Altfische zu verlassen – ein gefangenschaftsbedingtes Verhalten eben!

--
(1) Töpfer und Schindler haben Anfang 2009 die Gattung Trichogaster bearbeitet und herausgefunden, dass die ältere Gattungsbeschreibung des Franzosen Lacepède von 1801 gültig sein soll. In dem Fall wäre dann Trichopodus der gültige Gattungsname.
Das mag formal richtig sein. Die AquaNet-Redaktion nutzt jedoch, einvernehmlich mit Dr. Jörg Vierke, den eingeführten Namen Trichogaster, bis dieses Problem von der Internationalen Nomenklaturkommission geklärt ist.  
Weiteres hierzu im AquaNet-Artikel vom 29.05.09.





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