Durch Wasserwanzen werden Populationen von Fischen getrennt
Normalerweise reißen Naturereignisse Populationen von Tieren oder Pflanzen auseinander. Von einander getrennt entwickeln sie sich unterschiedlich weiter, wenn sie sich dann nach langer Zeit wieder treffen, können sie sich nicht mehr gemeinsam fortpflanzen, zwei Arten sind entstanden.
Der Schweizer Biologe Michi Tobler konnte in einem Bach in Mexiko nun eine ungewöhnliche, weil biologische Trennung zweier Populationen von Fischen beobachten.
Der Cueva del Azufre ist ein besonderer Bach. Er liegt im Süden Mexikos am Rand der
Halbinsel Yucatan, wo er aus einer Höhle zu Tage tritt. Die Höhle ist groß genug, dass dort eine eigene Population von
Mexikomollys (Poecilia mexicana) leben kann. Ebenso leben diese Tiere in den offenen Teilen des Cueva de Azufre. Beide Populationen unterscheiden sich: Die Höhlentiere haben leicht reduzierte Augen und weniger Hautfarbstoff, dafür ist ihr Seitenlinienorgan besonders gut ausgebildet.
Wie es zu diesen Unterschieden in den beiden Populationen kommen konnte, untersucht der Schweizer Biologe Michi Tobler als Mitarbeiter der Texas A & M University. Er fand dabei einen sehr ungewöhnlichen Grund heraus:
Es gibt kein geographisches oder physikalisches Hindernis wie eine Stromschnelle, die die Fische daran hindert, vom Tageslichtbereich in die Höhle zu wandern und umgekehrt. Dennoch tun sie das nicht, und das über sehr lange Zeit. Wenn sie sich regelmäßig mischen würden, könnten keine Unterschiede in den Populationen entstehen.
Warum wandern die Tiere dann nicht? Tobler fand als wichtigen Faktor Wasserwanzen, große blutsaugende Tiere der Gattung
Belostoma, die in den Höhleneingängen und im sonnenbeschienenen Teil des Baches jagen. Sie ergreifen kleine Fische und saugen mit einem Saugrüssel Blut und Gewebsflüssigkeit. Für die Opfer (in diesem Falle
Poecilia mexicana) ist das mit Sicherheit sehr schmerzhaft und schwächend, mehrere Attacken in kurzer Zeit können auch zum Tode führen.
Diese Wasserwanzen können offenbar feststellen, wenn ein Fisch in einem Lebensraum nicht so gut zurecht kommt, wie die anderen Fische - und attackieren ihn gezielt, weil er ein leichteres Opfer darstellt.
Wechselt nun ein aufs Sehen spezialisierter Freiwasserfisch in die Höhle, kommt er im Dunkeln eben so schlecht zurecht, wie ein Höhlenfisch an der Sonne - und wird bevorzugtes Opfer der
Belostoma. Auf diese Weise trennen sich die Populationen, weil die Fische vermeiden, in den jeweils anderen Lebensraum zu wandern.
Eine ungewöhnliche Art der Artbildung ist dort gerade im Gange.
Literatur:
Tobler, M.(2009): Does a predatory insect contribute to the divergence between cave- and surface- adapted fish populations? Proceedings of the Royal Society Biology Letters 10.1098/rsbl.2009.0272